Review: Duesenberg II SJ in 1:18 von Greenlights

Heutzutage ist es schwer vorstellbar, dass es bereits vor fast hundert Jahren Fahrzeuge mit über 320 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von 243 km/h gab, zu einer Zeit, als in manchen Ländern Europas die Anzahl dort verfügbarer Autos auf den Fingern einer Hand abgezählt werden konnte und der große Teil der Menschheit nie in ihrem Leben ein Auto sah.

Duesenberg? Kennt jemand diese Marke?

Irgendwann im Jahre 1885 wanderte eine verwitwete Frau, zusammen mit ihren beiden Kindern Friedrich und August, nach Iowa in den USA aus. Aus den Düsenbergs wurde Duesenberg, aus Friedrich Fred und aus August Augie.

Brüder Duesenberg

Der erste Start ins Geschäftsleben der beiden Brüder war wenig erfolgreich. Ihr Fahrradunternehmen, mit dem sie auch erste Umbauten an Autos machten, war bereits 1903 pleite. Doch nur zwei Jahre später entstand die Duesenberg Motor Company CMD in St. Paul, Minnesota, ein Unternehmen, welches binnen kurzem führend auf dem Gebiet des Autobaus wurde: nicht nur ihre Zuverlässigkeit stach hervor, auch der Einsatz von hydraulischen Bremsen, DOHC-Ventilen und sogar Kompressoraufladung.

1929 stellten die Brüder das Modell J, ein Fahrzeug mit 6,9 Liter Hubraum und einer Leistung von 265 PS. Die Höchstgeschwindkeit lag bei 180 km/h! Das war den Brüdern aber noch nicht genug, es folgte drei Jahre später das Modell SJ: 320 PS und 243 km/h. Diese Zahlen sollte man sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen: im Jahre 1932 schoss ein gewöhnliches Strassenauto bereits mit fast 250 Stundenkilometer über die Roads Amerikas! Selbst heute noch dürfte das Auto die linke Spur einer Autobahn beherrschen können, wenn jemand so wahnsinnig wäre, das Juwel automobiler Kunst auf diese Geschwindigkeit zu beschleunigen. Wohl bemerkt: ohne Gurte, Airbags, ABS und ESP!

Duesenberg SJ II 1:18 Greenlights

Man stelle sich daher meine Überraschung vor, als ich zufällig im Angebot eines bekannten Modellautohändlers genau dieses Fahrzeug gefunden habe: einen SJ II in Silber, aufgelegt von der Firma Greenlight in dem von mir so geliebten 1:18 Format. Da gab es kein Zögern, Fahrzeug wurde sofort in den Einkaufswagen bestellt und gekauft.

Bei knapp 80 EUR Verkaufspreis waren die Erwartungen in Hinsicht Qualität nicht allzu hoch, vor allem, da ich bisher von Greenlight nur kleine Fahrzeuge besaß (die aber sich durch ordentliche Verarbeitung gekennzeichnet haben).  Doch schon auf den ersten Blick überraschte mich das Fahrzeug.

Duesenberg SJ II

Zuerst durch seine schiere Größe. Als Sammler von 1:18 Modellen bin ich an gewisse Größe gewohnt, aber der wuchtige Auftritt des hochbeinigen Wagens ist beeindruckend. 29 Zentimeter Länge, 34 mit Podest, satte 12 Zentimeter Höhe. Frei nach Loriot: „wie Jodeldiplom, da weiß man, was man hat“

Die Schönheit des Wagens ist überwältigend. Klare, saubere Linien, mit Liebe gestaltete Details beeindrucken. Die Seitenräder sind sogar mit nachgebildeten Ledergürteln gesichert. Überall blitzt Chrom, Chrom, Chrom. Viele Details schmücken die Linie und laden zu einer Entdeckung ein.

Ein fester Punkt eines jeden Reviews ist die Vergleichbarkeit mit einem Original. Nun gehöre ich leider zu den (meisten) Menschen dieser Welt, die einen Duesenberg noch in Natura gefahren, geschweige denn gesehen haben. Aber das ist leider nicht alles: mit welchem Original soll man dieses Modell vergleichen?

In den zwanziger und dreißiger Jahren war es nicht unüblich, dass die Hersteller lediglich Bodenplatte, Antriebsstrang und Motor geliefert haben. Die Karosserie wurde anschließend bei Derham, LeBaron oder Waterhouse bestellt, wo sie in mühevoller Kleinarbeit exakt nach Kundenwünschen gebaut wurde. Da war noch nichts mit Fließband und Modell von der Stange wie bei Opel oder Audi heute. Jeder einzelne Duesenberg ist anders, hat seinen persönlichen Charakter, Baustil und Karosserie. Erst 1930 gab es bei Duesenberg eine Karosserie zu kaufen, angeblich aus dem Haus des bekannten Karosseriebauers LeGrande (in Wirklichkeit aber von einem kleinen Unternehmen in Indianapolis).

Fangen wir von vorne an. Wuchtiger Kühlergrill mit satellitenschüsselähnlichen Strahlern thront über einer wuchtigen, wie ein Vogel im Flug geformten Stoßstange. Detailreichtum sogar im Detail wie den kleinen Gittern in den Lampen oder dem Griff oben am Kühler.

Dieselbe Detailverliebtheit an den Seiten: sauber und genau geformte Lüfterschlitze an der Motorhaube, Ledergürteln am Ersatzrad, sogar Bodenrillen im Einstiegsblech sind präzise und genau ausgearbeitet. Die Türen besitzen alle schön ausgearbeitet Griffe und hängen jeweils auf zwei deutlich geformten Scharnieren. Doch hier fallen bereits kleine Verarbeitungsmängel auf: die Scharniere sind etwas unsauber eingearbeitet, vor allem die hintere Tür hängt etwas und sitzt nicht genau im Slot.

War das im Original auch so? Bei einem Auto, dessen Neupreis damals in der heutigen Währung bei satten 1,5 Millionen Euro lag? Unwahrscheinlich…

Um einen Duesenberg zu kaufen musste man aber nicht nur diese 1,5 Millionen Euro haben. Nein, man musste sogar von den beiden Brüdern Duesenberg als Käufer akzeptiert werden! Tatsächlich, nicht jeder, der das Geld hatte, durfte sich ein solches Auto kaufen, nur dann, wenn dieser moralisch und gesellschaftlich anerkannt war, durfte sich eines Tages an einem Duesenberg im Eigenbesitz erfreuen.

Umso entsetzter wurden die Brüder, als ihr Fahrzeug immer häufiger in den Händen von Gangstern auftauchte und in Banküberfälle verwickelt war: seine überragende Geschwindigkeit und Platzverhältnisse eigneten sich hervorragend als Fluchtautos, die Polizei kam in ihren lahmen Enten nicht hinterher.

„Schuld“ an dieser Leistung war der gewaltige Motor, versteckt hinter einen seitlich zu öffnenden Klappe. Pfiffige Umsetzung dieses Details täuscht aber nicht über Verarbeitungsmängel: fummelig anzuheben, klemmt die Klappe und lässt sich nur mit Mühe und leichtem Gegenstemmen wieder absenken. Ob dieses Mechanismus sich als langlebig erweist, ist zu bezweifeln. Am besten: geschlossen lassen!

Dafür überzeugt die Umsetzung des Motors, vor allem angesichts der Preisklasse des Wagens. Viele verchromte Rohre und ein gewaltiger, grün gestrichener Motorblock, verharren unter der Motorhaube. Da kennt man in höheren Preisklassen schlechteres.

Restlos überzeugen die Räder: sauber und gerade ausgearbeitet, filigranes Detailreichtum bei den unzähligen Spangen. Meine Damen und Herren Alufelgenfreunde: DAS sind Felgen!

Detailreichtum auch im Inneren: Dashboard aus nachgebildetem gebürstetem Stahl ist mit vielen Uhren versehen, sogar Pedale und Gangschaltung deutlich abgesetzt. Die Sitze sind aus weichem Plastik und sehen sehr naturtreu aus, die Verarbeitungsqualität lässt hier aber den einen oder anderen Spalt offen. Dennoch, hinsetzen und losfahren, so heimelig und dabei sportlich wirkt der Innenraum.

Die etwas schief gebaute Kiste (aka Kofferraum) am hinteren Ende des Fahrzeuges geht wunderbar als naturtreues Detail durch: wer Reisekoffer damaliger Zeit sah, der weiß, wie schief und voller Spalten sie waren. Auch hier hingegen überzeugen die Details: gut verarbeitete Rücklichter, Kennzeichen, erneut dicke Stoßstange und ein ordentlicher, gut unter dem Wagen versteckter, Auspuff.

Lackqualität ist sehr ordentlich, bis auf minimalste, nur mit Lupe sichtbare Kratzerchen, gut ausgeführt. Chromteile sind sauber und ohne Einschüsse lackiert.

Vor allem überzeugt und beeindruckt die Detailverliebtheit. Der Kofferraumkoffer hat sogar Scharniere und Firmenzeichen, seitlich am Dach sind ebenfalls Verschlüsse eingebacht, Details wie Scheibenwischer sind ebenso selbstverständlich, wie ein klares Reifenprofil. Für ein Fahrzeug dieser Preisklasse ungewöhnlich, umso mehr Wert, es erneut zu betonen!

Hingegen sticht das Podest deutlich negativ hervor: billiges, dünnes und wackeliges Plastik mit grauen Schleiern in den Ecken. Gut, die meisten montieren ihn sowieso ab (ich wohl auch), aber dennoch, das geht besser, liebes Greenlight!

Leider muss es beim Model bleiben. Von den etwa 650 Duesenbergs, die jemals produziert wurden, sind, je nach Quelle, zwischen der Hälfte und 450 immer vorhanden, doch seit Jahrzehnten wechseln die Fahrzeuge nur noch sehr sporadisch den Besitzer. Wer einen hat, den gibt er höchstens im Testament wieder frei.  Etwa 30 gab es in Europa, doch so gut wie alle gingen in den Wirren der beiden Kriege verloren, meines Wissens nach gibt es nur noch einzelne Fahrzeuge hier. Gesehen habe ich bisher noch keinen.

Und die beiden Brüder? Fred starb leider bei einem Autounfall 1932. Augie lebte noch bis 1955, doch da war Duesenberg schon lange Geschichte. 1937 endete offiziell die Produktion.

Mein Fazit: sehr gut verarbeitetes, wunderschönes Modell eines Klassikers, welches ich jedem Sammler klassischer Fahrzeuge ebenso empfehlen kann wie auch jedem anderen, der in den vielen Porsches, Audis und Rennautos ein richtiges Highlight setzen möchte. Für diesen Preis unschlagbar.

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